Berlin/Bad Wildbad

Trotz Beschluss "Lex Wolf" keine Einigkeit

von Teresa Dappund Bernd Mutschler

Berlin/Bad Wildbad - Wenn es um Wölfe geht, ist fast alles umstritten: Wie viele in Deutschland leben, wie viele hierzulande leben sollten, wann und wo sie abgeschossen werden dürfen. Jetzt gibt es einen Kabinettsbeschluss zur "Lex Wolf". Aber es bleibt spannend.

Wölfe sollen künftig leichter abgeschossen werden können, wenn sie Schafe und andere Nutztiere reißen. Von einer gemeinsamen Linie im Umgang mit den Raubtieren ist die große Koalition aber auch nach der Entscheidung vom Mittwoch noch weit entfernt. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) teilte mit, dass es aus ihrer Sicht erlaubt sein sollte, die streng geschützten Raubtiere auch vorbeugend zu schießen – und nicht nur als Reaktion nach Attacken auf Weidetiere. Das gibt der Gesetzentwurf von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) aber nicht her.

Nach langem Streit hatten die Ministerinnen sich auf einen Gesetzentwurf geeinigt. Der politische Druck vor allem in Ost- und Norddeutschland ist gewaltig, das Thema spielt auch im Wahlkampf eine große Rolle. Zuletzt hatte das Kanzleramt vermittelt.

Bild mit Unterschrift

Füttern und Anlocken soll verboten werden

Klöckner setzt darauf, dass der Gesetzentwurf im Bundestag noch in ihrem Sinn geändert wird, denn am Ende müssen die Abgeordneten entscheiden. Die Union schickte am Mittwoch eine klare Ansage Richtung Umweltministerium: Es führe kein Weg vorbei an einer "Regulierung" der Zahl der Wölfe, sagte Fraktionsvize Gitta Connemann (CDU), die Schaffung "wolfsfreier Zonen" bleibe auf der Tagesordnung, sagte ihr Kollege Georg Nüßlein (CSU).

Die neuen Regelungen sollen es Hobbyschäfern ermöglichen, eine Entschädigung zu bekommen, wenn Wölfe zuschlagen. Das Füttern und Anlocken von Wölfen würde verboten, damit sie sich nicht an Menschen gewöhnen. Mischlinge aus Wolf und Hund, sogenannte Hybriden, könnten geschossen werden. Dabei sollen Jäger "nach Möglichkeit" einbezogen werden.

Seit der Jahrtausendwende breiten sich Wölfe in Deutschland aus, nachdem sie lange ausgerottet waren. 2017/2018 ergab das Monitoring der Behörden 75 Rudel, 30 Paare und drei Einzeltiere. Wie viele Wölfe das insgesamt sind, ist schwer zu sagen, da die Rudelgröße schwankt, es sterben viele Welpen. Das Umweltministerium spricht von drei bis acht Wölfen pro Rudel, der Naturschutzbund Nabu von acht. Damit käme man auf 600 bis 700 Tiere. Die meisten leben in Ost- und Norddeutschland. Das laufende Monitoring-Jahr ist nicht abgeschlossen. Je mehr sich die Wölfe ausbreiteten, desto öfter kam es zu Schäden an Nutztieren. Laut Statistik für 2017, die 2019 veröffentlicht wurde, gab es insgesamt 472 Angriffe auf 1667 Weidetiere, davon 1366 Schafe.

Bundesverband der Berufsschäfer begrüßte neue Regeln

Der Bundesverband der Berufsschäfer begrüßte die geplanten neuen Regeln. "Das wird den Abschuss von Problemwölfen deutlich nach vorne bringen", sagte Vorsitzende Günther Czerkus. Die Politik schöpfe aus, was rechtlich derzeit möglich sei.

Einen bestätigten Angriff eines Wolfs auf einen Menschen in Deutschland gab es seit der Rückkehr der Tiere nicht. Der sogenannte Problemwolf "Kurti" oder "MT6" in Niedersachsen wurde abgeschossen, weil er sich Menschen näherte – das war 2016. Einen zweiten Fall gab es in Sachsen 2018, dort sollte ein Wolf zwei Hunde getötet und sich Grundstücken genähert haben. Obwohl die Wahrscheinlichkeit klein ist, auf einen Wolf zu treffen, haben viele Menschen Angst davor.

Die Meinungen gehen auseinander, wie die Balance zwischen Artenschutz und Sicherheit gehalten werden soll. Bauernverband, Jäger und andere fordern ein aktives "Wolfsmanagement" und Regionen, die frei von Wölfen gehalten werden sollen.

Dagegen ist man aus Sicht von Umweltministerium und Naturschützern noch weit von einem guten Erhaltungszustand der Art entfernt, der weitere Lockerungen der Abschuss-Regeln rechtfertigen könnte. Verbänden wie BUND, Nabu und WWF geht der Regierungsvorschlag deswegen zu weit, sie fordern stattdessen mehr Engagement beim Herdenschutz und mehr Unterstützung für die Halter von Weidetieren.

Gernot Fröschle findet die gefundene Lösung gut

Gernot Fröschle aus Bad Wildbad (Kreis Calw) steht der neuen Regelung positiv gegenüber. Die Attacke auf seine Schafe Ende April 2018, bei der mehr als 40 Schafe starben, brachte die Diskussion um den Wolf in Baden-Württemberg erst so richtig in Gang. Fröschle findet die gefundene Lösung "gut, so können Wolf und Weidetiere nebeneinander existieren, wenn es klappt. Einen Versuch ist es wert." Fröschle macht dabei aber klar, dass er nur für sich spreche. Es gebe auch Abschussfanatiker bei Schaf- und Rinderhaltern, "zu denen gehöre ich nicht. Viele sagen, ich sei zu wolfsfreundlich". Er sei schon immer sehr naturnah eingestellt gewesen, und schließlich sei der Wolf auch früher im Schwarzwald schon heimisch gewesen. Er hofft, dass mit der neuen Regelung eine gute Lösung gefunden wurde, "aber wenn es weiter so Risse gibt wie im vergangenen Jahr, dann hat es keinen Wert".

Um diese zu vermeiden, müssen ab 1. Juni alle Weiden in der Förderkulisse Wolfsprävention wolfssicher eingezäunt werden. Sonst gebe es auch keine Entschädigungen mehr für getötete Tiere, erklärt der Schäfer. Er versuche, seine Schafe wolfssicher einzuzäunen, stellt er klar. Den erheblichen Mehraufwand, den das bedeute, nehme er dafür in Kauf. Auch wenn dies seine Arbeit als Schäfer deutlich erschwere, kann er sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen: "Das ist mein Leben!"

Infos

  Grundregeln

Bei einem Waldspaziergang auf einen Wolf zu treffen, ist unwahrscheinlich – und kein Grund für Hysterie. Es gelten die allgemeinen Grundregeln für den Umgang mit Wildtieren, erklärt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Das bedeutet: respektvoll Abstand halten, nicht hinterherlaufen, nicht füttern und Jungtiere keinesfalls anfassen.

  Wildschweine gefährlicher

Gegenüber Wildschweinen sind dieselben Verhaltensgrundsätze zu beachten. Sie leben fast überall in den Wäldern. Von Wildschweinen gehe durch ihre Wehrhaftigkeit und große Anzahl allein statistisch gesehen eine größere Gefahr aus als vom Wolf, schreibt der Nabu in einem Wolf-Ratgeber im Internet. Der Wald werde durch die Rückkehr des Wolfes nicht gefährlicher.

  Verscheuchen

Wölfe ziehen sich im Normalfall zurück, wenn sie auf Menschen treffen. Dafür sollte man ihnen bei einer Begegnung genug Raum lassen. Wer sich unwohl fühlt, kann sich aufrichten und großmachen. Mit lautem Rufen und Klatschen lassen sich die Tiere verscheuchen.

  Meldung

Wer einen Wolf beobachtet hat, sollte das melden – und hat im Idealfall sogar ein Foto von dem Tier gemacht. Das hilft den Behörden bei der Dokumentation. Ansprechpartner für das Wolfsmanagement in den Bundesländern sind im Internet unter www.dbb-wolf.de aufgelistet.

  Bisher kein Angriff

Gesunde Wölfe, die man nicht provoziert oder anfüttert, stellen für den Menschen laut Nabu in der Regel keine Gefahr dar. Seitdem es sie in Deutschland wieder gibt, habe es keine Situation gegeben, bei der freilebende Wölfe aggressiv gegenüber Menschen waren.