Balingen

Mal dies, mal das im wilden Kurdistan

von Steffen Maier

Öfter mal etwas Neues: Das scheint das Motto von Susanne Kieckbusch zu sein. Vor zwei Jahren ist die Balingerin als Lehrerin in den Irak gegangen, mittlerweile ist sie dort für Siemens tätig. Ihrer bisher schon abwechslungsreichen Vita fügt die 56-Jährige damit ein weiteres Kapitel hinzu.

Balingen. Susanne Kieckbusch? Genau: In Balingen bekannt als Mitgründerin der Frauenliste, als Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl 2007, als Stadträtin für die Grünen sowie als Bundestagsabgeordnete für die Grünen für immerhin neun Monate. Derzeit lässt sie es eher ruhiger angehen: Sie ist auf Heimaturlaub in Balingen. Besuch beim Friseur, beim Zahnarzt, zudem im Bürgerbüro der Stadt Balingen, um die Wahlunterlagen für die Bundestagswahl zu besorgen.

Anfang September aber geht es schon wieder zurück nach Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak. An die dortige Deutsche Schule war Susanne Kieckbusch nach vielen Stationen als Lehrerin im Zollernalbkreis – unter anderem in Schömberg, Engstlatt, Rosenfeld, Bitz und zuletzt Rangendingen – im Sommer 2015 gewechselt.

Deutsche Schule? Ja: Unterrichtet hat sie in Erbil die Kinder jener Kurden, die Anfang der 1990er-Jahre vor dem Terror Saddam Husseins unter anderem nach Deutschland geflohen waren und die, nach Einrichtung der Autonomen Region, in ihre Heimat zurückgekehrt sind. An Standards, wie sie für Schulen in Deutschland gelten, dürfe man die Einrichtung aber nicht messen, sagt die Balingerin: Die Gebäude seien eher Baracken, die Strom- und Wasserversorgung falle des Öfteren aus. Von der Bezahlung, zumal der regelmäßigen, ganz zu schweigen.

Zudem war Kieckbusch als Deutsch-Dozentin an der Salahadin-Hochschule, ebenfalls in Erbil, tätig. Sie sei die einzige Muttersprachlerin dort gewesen. "Ich habe geredet ohne Punkt und Komma". Das kann man sich gut vorstellen. Auf der Suche nach Praktikums-Plätze für ihre Studenten bei deutschen Unternehmen, sei sie zu einem Stammtisch gekommen, zu dem sich Vertreter deutscher Unternehmen, die in der Region tätig sind, sowie deutsche Konsulatsmitarbeiter regelmäßig in Erbil treffen. So kam auch sie selbst zu einem ganz neuen Job.

Kieckbusch kam in Kontakt mit dem Siemens-Manager Jean-Pierre Jauss, der nahe Erbil am Rande eines Ölfeld für den Betrieb und die Wartung von Gasturbinen verantwortlich ist. Siemens produziert dort Strom, der unter anderem nach Mossul geliefert wird – und damit in die von Erbil rund 50 Kilometer entfernte Stadt, die bis vor Kurzem als Hochburg des "Islamischen Staats" fungierte, ehe sie von den irakischen Streitkräften zurückerobert wurde. 120 Mitarbeiter sind für Siemens vor Ort – dazu gehört nun auch die Balingerin Kieckbusch, als Assistentin der Geschäftsleitung. Sie organisiere viel, halte Kontakt zum deutschen Konsulat, sei für die Geschäftskorrespondenz zuständig. Sie sei jetzt für einen Weltkonzern tätig, sagt Kieckbusch – was auch bedeute, dass sie demnächst vielleicht an einer ganz andere Stelle irgendwo auf dem Globus tätig sein werde.

Allerdings will sie, wie sie sagt, die nächste Zeit erst einmal nahe Erbil bleiben. Die Arbeit gefalle ihr gut, ihr Organisationstalent komme ihr dabei zugute und bestens zur Geltung. Die kurdische Sprache beherrsche sie mittlerweile ganz passabel. Zudem sei sie in einer komfortablen Lage: Der Arbeitsvertrag mit Siemens ist unbefristet. Im Zollernalbkreis ist ihr, die offiziell als Lehrerin beurlaubt ist, noch vier Jahre lang ein Arbeitsplatz sicher. Ob sie jemals wieder als Lehrerin in der Region arbeiten wird? Schwer zu sagen.

Sie finde es spannend, sagt Susanne Kieckbusch, wie die Erfahrungen in Kurdistan sie verändern. Nach einer mehrwöchigen Auszeit in den kurdischen Bergen im Grenzgebiet zum Iran im vergangenen Sommer begann die ausgebildete Musiklehrerin mit dem Singen.

Während ihres Heimaturlaubs will sie eine CD aufnehmen. Liebeslieder, untermalt von Gitarrenklängen. Eine Gesangskarriere? Das wäre dann das nächste Kapitel im Leben der Susanne Kieckbusch.