Balingen

Gemeinwohl statt Kapitalismus

von Wolf-Ulrich Schnurr

Die vielen jungen Menschen, die jede Woche für mehr Klimaschutz demonstrieren, sind ein Symptom dafür, dass die politischen Entscheider gesellschaftliche Anliegen gegenüber der Wirtschaft unzureichend vertreten.

Balingen. Nicht zuletzt darum ist es bei einer Veranstaltung des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Balinger Stadthalle gegangen. Nachhaltigkeit und die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Umdenkens sind für junge Menschen drängende Themen. Der Arbeitskreis Eine-Welt-Politik des BDKJ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte deshalb an der bundesweiten 72-Stunden-Aktion teilgenommen und zu deren Abschluss im Zollernalbkreis zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Dabei diskutierten vier Vertreter unterschiedlicher Organisationen über das Thema "Wirtschaft zukunftsfähig gestalten – wie geht das?" Eine mögliche Antwort gab der der ehemalige, österreichische Attac-Aktivist und heutige Buchautor Felber in seinem einführenden Referat.

Er vertritt die Idee der "Gemeinwohl-Ökonomie", die einen Ausgleich zwischen Individualismus und Kollektivismus finden soll, genauer: zwischen deren extremen Ausprägungen Kapitalismus und Planwirtschaft. Politische Regeln müssten die Interessen der Gesellschaft wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Menschenrechte, Solidarität oder Partizipation gegenüber dem reinen Gewinnstreben von Unternehmen durchsetzen.

"Junge Aktivisten sind keine Selbstdarsteller"

Das ist Felbers Ansicht nach noch nicht der Fall und der Zulauf der "Fridays for Future"-Demonstrationen Beleg dafür: "Die jungen Aktivisten sind keine Selbstdarsteller, sondern haben ein wirkliches Anliegen." Ihnen gehe es darum, dass "die Politiker" nicht länger die Interessen von Firmenverbänden über Anliegen der gesellschaftlichen Mehrheit wie Ökologie oder Menschenrechte stellen sollen.

Auch in reichen Ländern wachse Unwohlsein mit der vorherrschenden Wirtschaftsordnung. Aus Felbers Sicht handelt es sich beim reinen Marktliberalismus schon der griechischen Begriffsherkunft nach nicht um "Ökonomie"; eine solche stelle nach Aristoteles das Wohlergehen in den Mittelpunkt. Die "Chrematistik" hingegen sehe den Gelderwerb als oberstes Ziel: "Heute sagen wir dazu Kapitalismus."

Staats- und Landesverfassungen verpflichteten Besitzende dazu, ihr Eigentum für das Wohlergehen aller Menschen einzusetzen, sagte Felber. Der Schutz des Kapitals und Handels sei in der politischen Praxis jedoch ein höherer Wert als das Gemeinwohl – was sich etwa darin zeige, dass auf internationaler Ebene Industrieinteressen eingeklagt werden können, nicht aber Umwelt- oder Gesundheitsschutz.

Aus Sicht des Referenten ist diese wirtschaftspolitische Schieflage auf internationaler und staatlicher Ebene Teil, wenn nicht gar Ursache der Probleme, gegen die derzeit junge Menschen auf die Straße gehen. Auf welche Weise sie überwunden werden könnte, darum ging es in der anschließenden Diskussion.

"Die Kinder demonstrieren, weil die Eltern nichts machen" – dieser These Felbers trat Gudrun Binz-Fietkau, Beraterin von Non-Profit-Unternehmen, entgegen: Dass die Natur Schaden nimmt, spüre man inzwischen stärker als vor 20 oder 30 Jahren. Das erst gebe einen Impuls, selbst etwas zu tun.

Das sah Zollernalb-Landrat Günther-Martin Pauli ähnlich: Jeder Einzelne könne mit seiner Lebensweise dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Als Beispiel nannte er den Verzicht aufs Fliegen: Wenn Felber nach Costa Rica fliegen, um ein Gemeinwohl-Projekt zu besuchen, verursache das so viel CO 2, dass er, Pauli, dafür ein ganzes Jahr mit seinem Diesel-Dienstwagen herumfahren könne.

"Vom Wollen zum Tun ein großer Schritt"

Maria Gießmann von der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg hielt fest, dass vor allem bei nachhaltig produzierter Kleidung viel guter Willen vorhanden sei: "Aber vom Wollen zum Tun ist es noch ein großer Schritt". Große Textilunternehmen seien gewohnt, global zu wirtschaften, und würden oft die Kette ihrer Zulieferer nicht mehr bis zum letzten Glied kennen.

Andererseits sei es billig, die Verantwortung für Nachhaltigkeit den Konsumenten zuzuschieben. Bei jenen sei ein Umdenken erforderlich: "Bin ich glücklicher, wenn ich das 100. T-Shirt im Schrank hängen habe?"

Christian Felber hielt fest: Rahmenbedingungen und Regeln legten politische Akteure fest. Diese seien demokratisch gewählt, damit den Interessen ihrer Bürger verpflichtet und könnten mit Gesetzen für mehr Klimaschutz sorgen, wie von den jungen Demonstrierenden gefordert: Das Kerosin besteuern und damit das Fliegen entsprechend seinem ökologischen Schaden verteuern, das könnte "die Politik" sehr wohl.

Knapp 100 Zuhörer, in der Mehrzahl Teilnehmer der 72-Stunden-Aktion, folgten der Diskussion, die erwartungsgemäß viele Anregungen, aber keine endgültige Lösung erbrachte. Wie der Moderator Wolf-Gero Reichert eingangs gesagt hatte, waren dies "zwei Stunden für ein Thema, über das man viel länger sprechen könnte".