Balingen

Erst der Bagger, dann das Flanieren

von Beate Müller

Die Bauarbeiten für die Neugestaltung des Hinteren Kirchplatzes haben begonnen. Doch bevor das neue Schmuckstück zum Flanieren einlädt, werden die angrenzenden Geschäfte auf eine harte Probe gestellt.

Balingen. Vor der Mediothek, dem Blumengeschäft Okito und dem Gasthaus Paulaner tun sich derzeit tiefe Gräben auf. Die Wasserleitungen werden ausgewechselt, Nahwärme und Leerrohre werden verlegt. Das "Okito" ist derzeit nur über einen provisorischen Steg zu erreichen. Inhaber Stefan Grathwohl versucht das Beste aus der Baustellensituation zu machen. Auf seinen Wunsch ermöglichten ihm die Bauarbeiter einen verbreiterten Holzsteg zum Eingang. Nun säumen schwarze Decken und Blumen die Brücke. "Für die Kunden hat das so was wie einen Eventcharakter", sagt Grath­wohl. Dass trotz Ankündigung der Baustelle Anfang des Monats plötzlich der Bagger vor seiner Geschäftstür stand, überraschte ihn dann doch. Umsatzeinbußen habe er allerdings nicht verspürt – das "Okito" ist seit 15 Jahren am Spitaltörle, Grathwohl kann auf eine treue Stammkundschaft bauen. Und "Blumen sind ja schnell gekauft", meint er.

Größere Einschränkungen muss das Wirtshaus Paulaner im Nachbargebäude hinnehmen. Normalerweise lädt eine große Außenterrasse die Gäste im Herzen Balingens zum Verweilen ein. Gerade bei warmen Temperaturen wie in den vergangenen Tagen sind eigentlich viele der 130 Außensitzplätze belegt.

Seit Beginn der Baustelle aber ist vor dem Eingang kaum mehr Platz für Tische. Wirtin Monika Janz versucht das Beste aus der Situation zu machen. "Ein wenig Hinterhofflair hat es schon", stellt sie fest. Ideal findet sie es natürlich nicht. Je nach Baustellenlage kann sie unterschiedlich Tische aufstellen. "Die Bauarbeiter kommen uns da aber sehr entgegen", lobt die Wirtin. Auf den deutlich weniger Plätzen haben Gäste nun quasi beste Sicht auf die Baustelle. Dass aus dem bisherigen Hinterhof der Kirche nun ein schicker Platz wird, kommt langfristig auch Janz’ Gastronomie zugute.

Bis dahin allerdings stoppen Bagger & Co. den Gästefluss, die Fußgänger sind zu Umwegen gezwungen. Derzeit kommt man nur über die Adlerstraße an der Baustelle vorbei, dort ist eine Verbindung zwischen dem Marktplatz sowie dem CityCenter und dem Parkhaus an der Wilhelmstraße. Wenigstens sei diese Verbindung offen, sagen sie in der Stadtbücherei, wo man die Baustelle auch zu spüren bekommt. Gespannt ist man in der Mediothek auf den neuen Lesegarten, der auf dem Platz angelegt werden soll – das werde die Einrichtung sicher aufwerten. Und wer weiß: Vielleicht gibt’s, wenn alles fertig ist, einmal die Möglichkeit zur Open-Air-Ausleihe.

Bauleiter Joachim Schick von der ausführenden Balinger Firma Stumpp geht davon aus, dass die derzeit tiefen Gräben bis Ende nächster Woche geschlossen werden. Anschließend wird, vom Marktplatz her kommend, die Fläche neu gepflastert. Auf der Seite von Okito und Paulaner soll das bis voraussichtlich Mitte Juli erledigt sein. Der große Rest des Platzes soll bis Ende Oktober und damit pünktlich zum Reformationsjubiläum fertig sein.

Dann hat Renate Roth, Inhaberin der "Stylebar", zwar einen neu gestalteten Platz vor ihrer Ladentüre, doch die Baustelle neben dem Geschäft wird sie noch weiterhin einschränken. Seit sie im Februar vergangenen Jahres die Geschäftsräume des ehemaligen Elektro-Ehinger bezog, ist ihr Modegeschäft von Baustellen umgeben. Angefangen habe es mit Kanalarbeiten in der Oberen Kirchstraße, mittlerweile entsteht auf dem Nachbargrundstück das neue Wohn- und Geschäftshaus, in dessen Erdgeschoss Rossmann einzieht. Roth beobachtet, dass die Laufkundschaft um die großflächige Baustelle einen Bogen macht – und damit auch um ihr Bekleidungsgeschäft. Ihr Schaufenster wird ohnehin oft von parkenden Baustellenfahrzeugen verdeckt. Durch den Baustellenstaub kann sie die Ladentüre nicht geöffnet lassen, geschweige denn ihre Damenmode vor dem Geschäft präsentieren. Aber auch für Roths Geschäft gilt: Sind die Baustellen einmal fertig, wird sie wohl von der neuen Situation und der Lage profitieren. Insbesondere durch den verschönerten Hinteren Kirchplatz erhofft sie sich mehr Laufkundschaft.