Balingen

Bang Your Head: Helden sind zum Greifen nah

von Frank D. Engelhardt

Balingen - Es ist Freitag, morgens um halb zehn in Balingen. Die Ladengeschäfte in der Friedrichstraße erwachen langsam zum Leben, so wie jeden Werktag. Doch irgendetwas ist dieses Mal anders. Neben den üblichen Einkäufern sind auch auffallend viele schwarz gekleidete Männer und Frauen unterwegs, viele mit dem Namen einer Band auf dem Shirt.

Ein solcher Metal-Fan schlendert gemütlich mit einer Bäckertüte Richtung Messegelände, bleibt immer wieder stehen und schaut sich die Auslagen der Geschäfte an. "Heute habe ich Dienst", sagt er und lacht. "Wir sind fast eine Woche hier in Balingen, da kommt jeder von unserer Gruppe mindestens einmal dran mit dem Frühstück." Für ihn und alle anderen Besucher des Balinger Metal-Festivals Bang Your Head ist fast schon wieder Halbzeit. Nach der Aufwärmparty am Mittwoch und dem ersten Open-Air-Tag am Donnerstag geht es mit Schwung in die beiden letzten Festival-Tage.

Vor der großen Open-Air-Bühne ist bereits früh einiges los. Und das, obwohl das Wetter eher einem Apriltag Ehre machen würde. "Die Regenschauer machen uns nichts aus", sagt Andreas aus Bad Homburg. Er und seine beiden Freunde haben es sich im hinteren Drittel des Geländes mit einem Bier in der Hand gemütlich gemacht. Aus der Ferne verfolgen sie das Geschehen auf der Bühne. "Heute ist für uns ja eher ein chilliger Tag", meint er mit Blick auf das Bühnenprogramm. Slaughter, Venom und vor allem natürlich Satyricon, Gruppen solchen Kalibers sind es, die sie hier sehen wollen. "Mein Highlight des Tages: Entombed A.D., ganz klar", sagt Andreas. Der Death-Metal, den die Schweden zum Abschluss des Tages in der Halle spielen werden, ist allerdings nicht jedermanns Sache.

Derweil ist mit Lee Aaron eine der ganz wenigen Frauen auf der Open-Air-Bühne bei der Arbeit. "Die sieht ja fast aus wie eine Schlagersängerin", frotzelt am Wurststand nebenan Karin aus Regensburg und mimt Andrea Berg nach. "Spaß beiseite, die Lee ist schon okay, aber ich freue mich vor allem auf Magnum und Krokus", sagt die rustikale Bayerin. Und Magnum-Sänger Bob Catley lässt sich wenig später auch diesmal nicht von den Wetterkapriolen irritieren und macht das, was er und seine Jungs am besten können: mitreißende Geschichten erzählen, die in richtig guten Hardrock gekleidet sind. Im gleichen musikalischen Fahrwasser bewegen sich auch die Eidgenossen, die danach die Festivalbesucher rocken dürfen: Krokus. Vor der Bühne wird lässig mitgegroovt und gesungen – und das Wetter macht jetzt auch endlich das, was es soll: die Wolken reißen auf und mit viel Sonnenschein geht es mit Volldampf Richtung der beiden Hauptbands des Freitagabends.

Die Formation Rose Tattoo dreht gleich von Anfang an richtig auf, zeigt, wieso die Australier bei vielen Szenekennern einen Kultstatus besitzen. Energiegeladen und mit richtig viel Drive servieren Gary "Angry" Anderson und seine Mannen bodenständigen Hardrock, den auch ihre Kollegen von AC/DC kaum besser auftischen. Es ist die einzige Show, die die Australier in diesem Jahr in Europa spielen – kein Wunder also, dass sie es in Balingen so richtig krachen lassen. Den Balinger Metal-Fans gefällt’s.

Mötley Crüe ist zwar Geschichte, doch die Musik der kalifornischen Formation lebt weiter – und mit Vince Neil ist an diesem Abend kein anderer als die Stimme der Glam-Metal-Band in Balingen zu hören. Zwar ohne seine ehemaligen Mitstreiter Nikki Sixx, Mick Mars oder Tommy Lee, dafür mit musikalischen Perlen wie "Dr. Feelgood" und "Girls, Girls, Girls" zeigt Neil, wieso seine Ex-Band Vorbild für so viele Musiker war und ist. Und spätestens beim "Home sweet home" läuft es auch hart gesottenen Metal-Fans eiskalt den Rücken hinunter.

Am Samstag geht die Metal-Party weiter, unter anderem mit der franko-kanadischen Death-Metal-Band Kataklysm, Gitarrenvirtuose Michael Schenker, der gleich mit drei Sängern anreist, und der schwedischen Power-Metal-Band Hammerfall zum Abschluss. Zum Kehraus spielen dann Axxis noch das letzte Set in der Halle.

Mehr zum Bang Your Head in unserem Special.