Bad Wildbad

"Wer kann das denn lesen?"

von Winnie Gegenheimer

"Wer kann das denn lesen? Und dann auch noch so viel?" Die siebenjährige Kyra Schuhmacher beugt sich fasziniert über den dicken Wälzer mit schwerem, leicht angegilbten Papier in der Vitrine des Heimat- und Flößermuseums in Calmbach.

Bad Wildbad-Calmbach. In alter Kurrentschrift, fein säuberlich mit Tinte, sind darin die Vermögenswerte der Philippina Goßweiler, geborene Kieffer, aufgelistet, wie Wolfgang Plappert erklärt. Kyra ist zusammen mit ihrem Vater Dirk am offenen Museumstag heraufgekommen ins Dachgeschoss des Goßweilerhauses, welches das Heimat- und Flößermuseum beherbergt, "damit sie das einmal kennenlernt", wie der Vater grinsend erklärt, "schließlich betreibe ich schon eineinhalb Jahre den Irish Pub im Erdgeschoss."

Plappert, ehrenamtlicher Museumsführer und zugleich Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Oberes Enztal, kann beiden noch einige spannende Zusatzdetails verraten: dass das großherrschaftliche Haus, in welchem sie stehen, von Johann Friedrich Goßweiler erbaut wurde. Er war Ehemann von eben jener Philippina, deren Vermögenswerte das dicke Buch füllen, und die als Witwe kinderlos verstarb. Rund 328 000 Gulden betrug ihr Vermögen, was heute etwa 16,4 Millionen Euro entspricht. Goßweiler, gebürtiger Neuenbürger, hatte dies als Holzhändler, Floßherr und Compagnieverwandter, als Sägewerksbesitzer und Weinhändler erwirtschaftet. Schon zu Lebzeiten bedachte das Ehepaar großzügig seine Heimatgemeinde.

Rustikale Stuben

Seit 1991 ist das gesamte Dachgeschoss des Hauses Baujahr 1773, restauriert von einer Bauherrengruppe, ein Museum, welches sich Leben und Alltag der Menschen im Oberen Enztal, den alten Waldberufen, schwerpunktmäßig der Geschichte der Flößerei widmet. Plappert kennt jede der rustikalen Stuben zwischen den mächtigen Dachstuhlbalken. Da ist die komplette alte Schuhmacherwerkstatt mit dem Leistenregal, die Ausstellung der Heimarbeit Zigarrenrollen – der Tabak kam damals aus dem Badischen. Weiteres dörfliches Handwerk wie Küfer und Korbmacher. Waldberufe wie die der Köhlerei oder der Kleesalzgewinnung. Und natürlich Ausstellungsstücke der Firma Gauthier.

Die Flößerei nimmt einen großen Teil der Ausstellungsfläche ein. Was mit Scheiter- und vor allem dem Langholz passierte, vom Schlagen der Stämme bis zum Verflößen die Flüsse hinunter oder der Verarbeitung in den zahlreichen Sägemühlen, die es damals gab, lebt auf anhand alter Werkzeuge und Utensilien, mithilfe von Modellen aus Holz und plastischer Dioramen. Dazu kommen, worauf Plappert stolz aufmerksam macht, die beeindruckenden Fotos des Hoffotografen Karl Blumenthal, der, aus Wildbad stammend, um 1900 die alten Handwerksberufe direkt vor Ort eindrücklich und in hoher Qualität festhielt.

Am Tag des offenen Museums ist nicht nur die junge Kyra beeindruckt. Weitere Besucher nutzen die Gelegenheit, einzutauchen in das Calmbach vergangener Jahrhunderte. "Möglich machen das unsere fünf ehrenamtlichen Museumsführer. Dafür bin ich sehr dankbar", sagt Marina Lahmann, Leiterin des Stadtmarketings Bad Wildbad und zugleich Museumsverantwortliche.

Einen erfreulichen Besucherzuwachs verzeichnet Lahmann seit der Eröffnung von Baumwipfel- und Märchenpfad in Bad Wildbad: "Die Verbindung vom Märchen ›Das Kalte Herz‹ zu der Köhlerei einst im Nordschwarzwald lässt manchen Besucher auch hier vorbeischauen."

Das Heimat- und Flößermuseum hat jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppenführungen sind auf Anfrage auch außerhalb dieser Zeit möglich.