Bad Wildbad

Kinder erleben quälendes Martyrium

von Steffi Stocker

Tübingen/ Bad Wildbad - Rund drei Monate lang müssen eine Dreijährige und ihr vierjähriger Bruder ein Martyrium durchlebt haben. Die Mutter der beiden und ihr damaliger Lebensgefährte müssen sich nun vor der 3. Großen Jugendkammer des Landgerichts Tübingen verantworten.

Staatsanwältin Rotraud Hölscher wirft dem 24-jährigen Mann Misshandlung von Schutzbefohlenen mit gefährlicher Körperverletzung und versuchten Totschlag vor. Der 25-jährigen Mutter unterstellt sie Beihilfe zur Misshandlung sowie unterlassene Hilfeleistung.

Die Ermittlungen ergaben demnach, dass sich das Paar via Facebook kontaktiert und schließlich im August vergangenen Jahres auch persönlich kennengelernt hatte. Früh zog der junge Mann zu der kleinen Familie nach Neuenbürg, ehe alle gemeinsam zu Jahresbeginn nach Bad Wildbad umzogen.

"Ich hatte Angst, dass er uns noch mehr weh tut"

Schon im November hatte das Martyrium begonnen. Die Staatsanwältin berichtete von massiven verbalen Grobheiten und Schlägen, die auf dem Körper des Mädchens Hämatome sowie Striemen am Bauch und im Intimbereich hinterließen. Zudem habe der Angeklagte die Kleine mit dem Feuerzeug an der Lippe verbrannt.

Brüllen und Schläge waren demnach an der Tagesordnung und trafen auch den Jungen, der zudem immer wieder unter die kalte Dusche gestellt wurde, teils in kompletter Kleidung. "Mit dem Duschkopf versetzte er ihm Schläge ins Gesicht, biss das Mädchen in den linken Unterarm und hat sie die Treppe hinunter getreten, so dass sie einen Schädelbruch erlitt und er ihren Tod billigend in Kauf nahm", listete Hölscher die Grausamkeiten durch den Mann auf. Unterlassene Hilfeleistung und Beihilfe zur Misshandlung hielt sie der Mutter vor, zumal sie nicht einmal nach dem Sturz und erkennbaren Verletzungen mit dem Kind zum Arzt ging.

Eine couragierte Mitarbeiterin im Jobcenter brachte den Stein ins Rollen. Als sie die malträtierten Kinder sah, fragte sie nach, was geschehen sei und informierte das Jugendamt. Inzwischen leben die Kinder in einer Pflegefamilie.

Weinend berichtete die junge Mutter vor Gericht von noch mehr Grausamkeiten und Quälereien durch den früheren Partner, der auch sie gebissen habe und alle drei in einer Wandkammer ohne Licht einsperrte. "Ich weiß nicht, was los war und hatte Angst, dass er uns noch mehr weh tut", entgegnete die Angeklagte auf die Frage, warum sie sich nicht von dem Peiniger getrennt habe. Vielmehr führte sie eigene psychische Probleme an, wegen der sie zu niemandem Vertrauen habe. Inzwischen mache sie eine Therapie und werde mit Antidepressiva behandelt.

Nebenklagevertreter Rainer Reichle hielt ihr etliche Situationen vor, in denen sie ohne Anwesenheit des Mannes Hilfe hätte holen können: "Waren sie sexuell abhängig oder warum unternahmen sie nichts, wenn sie sehen, dass die Kinder vor die Hunde gehen?"

"Sie dürfen ruhig sagen, dass sie verliebt waren, das ist keine Schande", forderte Verteidigerin Ute Herweg ihre Mandantin auf, die Anfänge der Beziehung zu schildern. Allerdings räumte die Sachverständige Marianne Claus ein, dass Angaben der Mutter, wonach der Partner zunehmend Erziehungseinflüsse auf sich zog, von einer Abhängigkeitsstruktur zeugten, sie aber davon erst in der Verhandlung hörte.

Eine Verurteilung des Mannes zu 15 Monaten Haft durch das Amtsgericht Calw hielt indes die Staatsanwältin der Mutter vor: "Sie waren doch dabei und hörten von dem Schwangerschaftsabbruch, als er mit der Faust in den Bauch seiner damaligen Lebensgefährtin stieß und trotzdem sind sie bei ihm geblieben", brachte Hölscher ihr Unverständnis zum Ausdruck. Auch der Polizei ist der 24-Jährige wegen Gewalttätigkeit und Drogenkonsum bekannt, wie die ermittelnde Kriminaloberkommissarin berichtete.

Der Beschuldigte äußerte sich nicht zu den Anklagevorwürfen. Der Prozess ist mit zahlreichen Verhandlungstagen bis in den Januar hinein angesetzt. Gleichwohl kündigte der Vorsitzende Richter Armin Ernst an, dass die 3. Große Jugendkammer den Prozessbeteiligten einen Verständigungsvorschlag zukommen lasse. Wird diesem gefolgt, könnte das Verfahren vor Weihnachten beendet sein.