Bad Wildbad

Hängebrücke: Nichts für Leute mit Höhenangst

von Bernd Mutschler

Bad Wildbad - Die Hängebrücke Wild Line ist derzeit eine der spektaktulärsten Baustellen in der Region. Seit wenigen Tagen ist der Steg fertig und unser Redakteur Bernd Mutschler konnte als einer der Ersten die Brücke betreten – und die Aussicht genießen.

Pressetermine an der Hängebrücke sind angenehm. Zumindest, wenn das Wetter passt. Denn die Baustelle ist immer interessant. Und man kommt zu einem Spaziergang an der frischen Luft. Das ist ja auch nicht schlecht.

So ist es auch am Montag. Die "Steghochzeit" steht auf dem Programm. Banal ausgedrückt heißt das, dass der Laufsteg der Brücke an diesem Tag fertig gestellt wird. Die Hoffnung, vielleicht an diesem Tag über die Hängebrücke gehen zu können, bekommt allerdings schon bei der Eröffnung des Pressetermins einen herben Dämpfer. "Auf die Brücke können Sie auf keinen Fall", sagt Barbara Sand, die Vertriebsleiterin der Wild Line GmbH.

Arbeiten dauern länger

Und tatsächlich: Die Arbeiten dauern länger als geplant. Als die versammelten Pressevertreter zum Großteil wieder abziehen, ist der Steg noch immer nicht fertig. "Das schaffen wir heute noch", gibt sich der österreichische Bauleiter Nikolaus "Niki" Wille aber trotzdem zuversichtlich: "Morgen könnts ihr dann auf Brücke." Also jetzt doch? "Ja klar, kein Problem."

Na gut, ein kleines Problem gibt es doch. Das Sicherungsnetz zwischen Geländer und Steg fehlt – ein Fehltritt hätte schwerwiegende Konsequenzen. Schließlich geht es rund 60 Meter in die Tiefe. Deshalb dürfen wir am nächsten Tag auch nur mit Sicherungsgurt auf die Brücke.

Am Dienstag sind wir dann nicht viele Leute, die sich auf die Brücke wagen wollen. Am Treffpunkt, dem Baucontainer mitten im Wald, warten wir als Grüppchen von sechs Personen, von denen bislang noch keiner auf einer Hängebrücke war. Die Vorfreude ist bei allen zu spüren – manch einer mag auch etwas angespannt sein. "Ich bin mal gespannt, wie weit ich gehe", sagt ein älterer Herr, der sich das Abenteuer ebenfalls antun möchte.

Nach kurzer Wartezeit kommt dann der 24-jährige Thomas, einer der Arbeiter der österreichischen Spezialfirma HTB, die auf den Brückenbau und weitere Arbeiten im alpinen Gelände spezialisiert ist. Er nimmt uns mit zum Brückenkopf Nord und weist uns in die Benutzung des Gurtzeugs ein. Dort bekommen wir zu hören, dass wir nur in Zweier-Pärchen auf die Brücke dürfen, weil noch an der Aufhängung des Windseils gearbeitet wird. "Des fuchst a bissl", sagt Thomas und meint damit, dass die Arbeiten nicht nach Plan verlaufen. Schon den ganzen Tag über kämpfen die Männer mit dem Seil und hängen teilweise direkt unter der Brücke. Plötzlich knarzt es und man hört das Krachen eines Holzbretts, das zum Schutz zwischen ein Seil und den Beton gelegt ist. "Das ist, weil sich die Brücke bewegt und wegen den Arbeiten grad a bissl schräg ist", sagt Thomas. Na toll.

Schweres Gurtzeug

Dann endlich geht es los und ich bin –­ im Paar Nummer zwei –­ an der Reihe. Also rein in das schwere Gurtzeug, mit dem ich dann gleich an die Sicherungsleine auf der Brücke angekettet werde. Die erste Herausforderung gibt es aber schon vor der Brücke, als ich das letzte Stück über ein wackeliges Holzbrett gehen muss. "Das ist wahrscheinlich schlimmer als die Brücke selbst", rufe ich nur halb im Scherz meinem Mitgeher zu, dem bereits erwähnten älteren Herrn, und setze zum ersten Mal den Fuß auf die Brücke. Noch ist alles ganz harmlos, Thomas hängt das Gurtzeug in das Seil ein und es kann los gehen.

Wenn man am Anfang der Brücke steht, ist die Sicht darauf grandios. Denn die Wild Line wölbt sich nach oben, der Mittelpunkt liegt zehn Meter über dem Brückenkopf. Das heißt, man läuft erst mal bergauf, was aber harmloser ist, als es aussieht.

Je weiter ich auf die Brücke hinaus gehe, desto mehr spüre ich das leichte Schwanken des 43 Tonnen schweren und 1,20 Meter breiten Laufstegs. Vor mir läuft Thomas, die Lücke zu meinem Mitstreiter hinter mir wird immer größer. Nach einigen Metern ruft er: "Mir würde es jetzt reichen." Und man sieht ihm an, dass er gerne umkehren möchte, was Thomas in eine etwas knifflige Situation bringt. Denn er will mich ungern auf der Brücke allein lassen. Aber ich kann ihn offenbar davon überzeugen, dass ich mich nicht von der Stelle bewege, bis er meinen Mitstreiter sicher zurückgebracht hat und wieder bei mir ist.

Als er wieder da ist, geht es weiter. Schließlich will ich unbedingt zum höchsten Punkt der Brücke und testen, wie die Aussicht von dort oben ist. Eine Hand am Seil, den Foto um den Hals und das Handy für ein Video in der anderen Hand geht es Schritt für Schritt weiter. Und immer wieder schwankt die Brücke leicht nach oben und unten sowie seitlich. Dies, so versichert mir der österreichische Spezialist, werde sich aber etwas legen, sobald die Windseile fest verspannt sind.

Mulmiger wird mir nur dann zumute, wenn der Blick auf den Bereich zwischen Geländer und Laufsteg fällt. Dabei ist es weniger die Höhe, die mir zu schaffen macht, als vielmehr die fehlenden Gitternetze zwischen Geländer und Steg. Ein Fehltritt und man hängt im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen. Und es ist gut möglich, meint Thomas, dass es, wenn einer runterfällt, alle anderen, die gleichzeitig am Sicherungsseil angeleint sind, auch mit über die Brücke hinunter zieht. Er sagt das mit einem leichten Grinsen. Ich habe nicht vor, das wirklich auszuprobieren und nehme das Seil etwas fester in die Hand.

Nach insgesamt recht kurzer Zeit sind wir in der Mitte angekommen. Dort sitzen die vier Arbeiter, die den ganzen Tag, letztendlich erfolgreich, mit dem Windseil gekämpft haben und nun eine kurze Pause machen. Am höchsten Punkt der Brücke ist ein Baum angebracht.

Richtfest gefeiert

"Habt ihr Richtfest gefeiert", frage ich. Thomas bestätigt grinsen: "Der Baum hat eh weg müssn". Dann habe man das eben spontan so entschieden.

Endlich ist Zeit, den Ausblick zu genießen. Und der ist bei diesem schönen Wetter wirklich gigantisch. "Man sieht fast über alle Hügel", hatte Kapo "Niki" gesagt. Das stimmt zwar. Aber danach kommen weitere Hügel, die die Weitsicht dann doch etwas trüben. Die ist auf dem höher gelegenen Baumwipfelpfad natürlich besser, dem Eindruck tut das aber überhaupt keinen Abbruch. Fast noch beeindruckender ist der Blick direkt nach unten: 60 Meter in die Tiefe – selten sieht man Bäume aus dieser Perspektive. Auch der Blick aus der Höhe auf Bad Wildbad lohnt den Gang über die Brücke.

Auch beim Weg zurück schwankt die Brücke gemächlich vor sich hin. Für Leute ohne Höhenangst wird der Gang über die Brücke sicherlich zum Genuss werden. Manch einer wird sich, wie mein Mitstreiter, aber sicher beim Blick durch den Gitter-Laufsteg zweimal überlegen, ob er wirklich weitergehen will.

Alle, die sich trauen, werden aber mit einem besonderen Erlebnis belohnt.