Bad Wildbad

"Die wilden Schwestern der Honigbiene"

von Götz Bechtle

Jeder kennt sie: die kleinen Tierchen, die auf der Autoscheibe kleben, die einen stechen, zum ungünstigsten Moment in die Suppe fliegen und auch sonst ziemlich störend wirken: die Insekten.

Kaltenbronn. Aber kennt man sie wirklich? Die größeren, wie die Stubenfliege, den Maikäfer, den Schmetterling – oder sind das gar keine Insekten?

Im Infozentrum Kaltenbronn kann man jetzt auf solche Fragen Antworten erhalten, in der am vergangenen Freitag eröffneten Sonderausstellung "Insekten - kleine Tiere ganz groß!"

"Die Gruppe der Insekten ist die artenreichste Tierart auf der Erde," betont Diplom-Biologe Martin Klatt, Referent für Artenschutz beim Nabu Baden-Württemberg, außerdem zuständig für das Umweltzentrum Rastatt, der im Einführungsvortrag interessante Fakten zu den Insekten erklärte.

Klatt ist Spezialist für die Insekten, "die wilden Schwestern der Honigbienen." Wie viele Insektenarten es gibt, weiß er auch nicht, alleine in Deutschland schätzt er Zehntausende an Hautflüglern, etwa 7000 Käfer, 8000 Fliegen, 3600 Schmetterlinge, 6000 Zikaden und Wanzen. Dabei sei Deutschland und auch Europa gar kein Insektenparadies, da es nicht warm genug ist. In tropischen Gebieten sei die Zahl der Insektenarten noch viel größer, und immer wieder würden neue Arten entdeckt. Die Gesamtmasse der Insekten in Deutschland sei inzwischen um 75 Prozent zurückgegangen, so Klatt, heute gelten 42 Prozent aller Insekten als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben. Doch in der Gesamtheit aller Tierarten führen die Insekten mit 89 Prozent, die Spinnentiere kommen auf sieben Prozent und auf je ein Prozent die Vögel, die Reptilien, die Amphibien und schließlich die Säugetiere. Und wenn man dann erfährt, dass allein in Deutschland Produkte im Wert von 1,1 Milliarden Euro von der Bestäubungsleistung der Insekten abhingen, so macht man sich schon etwas mehr Gedanken und sieht ein, dass man konkrete Maßnahmen zum Schutz der Insekten überdenken muss.

"Um die Insekten kennenzulernen, muss man sich mit ihnen befassen", so Klatt, "sie sind klein, aber nicht weniger spannend." Insekten sind unterschiedlich groß, haarig, schuppig, schillernd, vielfarben und vielförmig, aber alle haben sechs Beine – im Gegensatz zu den Spinnen, die keine Insekten sind, denn sie haben acht Beine. Allein von den Heuschrecken gibt es mehr als 100 Arten, eine besonders auffallende ist im Großformat im Infozentrum zu sehen,

Bürgermeister Klaus Mack eröffnete die Sonderausstellung im Infozentrum Kaltenbronn, einem kommunalen Zweckverband der Landkreise Calw und Rastatt sowie der Gemeinden Bad Wildbad, Enzklösterle und Gernsbach. Mack dankte vor allem den Förderern Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und dem Land Baden-Württemberg, sowie den Sponsoren. Er wies darauf hin, dass derzeit ein neues Konzept, der "Masterplan Kaltenbronn", entworfen werde, um das Infozentrum zum Naturparkhaus weiterzuentwickeln.

An acht wissenschaftlich exakten Großmodellen, die in 20-facher Vergrößerung durch die mehrfach ausgezeichnete Hamburger Designerin und Künstlerin Julia Stoess geschaffen wurden, kann man Spannendes über den Aufbau und die besondere Lebensweise von Insekten erfahren und so diese interessante Ausstellung erleben.

"Unimog" aus dem Tierreich

Woran erkennt man ein Insekt? Sechs Beine, ein Außenskelett, wodurch sie nicht größer werden können als das Skelett ist, verschiedene Körpersegmente und dadurch eine Dreiteilung des Körpers, außerdem sind sie wechselwarm. Wechselwarm bedeutet, dass die Insekten eine gleichmäßige Wärme benötigen. Wenn es kalt ist, suchen sie geschützte, angenehm warme Stellen auf, zum Beispiel Höhlen, Gebäude oder Holzstämme.

Martin Klatt verglich die Insekten mit einem Unimog: Das Grundmodell ist fast immer dasselbe, allerdings gibt es viele Aufbauten und Zusätze, die ganz unterschiedlichen Zwecken dienen. Ähnlich ist es bei den Insekten. Das Grundmodell dürfte dabei die Schabe sein. Die Mundwerkzeuge der Insekten dienen zum Saugen, Lecken, Stechen – nur weibliche Tiere stechen, die Beine zum Laufen, Springen, Graben, Klammern, Fangen, Sammeln, haben also eine große Anzahl von Funktionen.

Es gibt zwei Entwicklungsformen der Insekten: die vollständige (holometabolisch) vom Ei über Larve/Raupe/Engerling/Made, Puppe bis zum Insekt. Beispiele hierfür sind Käfer, Schmetterlinge, Hautflügler. Bei der unvollständigen Entwicklungsform (hemimetabolisch) sieht die Larve oder Made bereits ähnlich aus wie das ausgewachsene Insekt.

Besonders interessant sind die Ameisen, die auch zu den Insekten zählen. Sie haben nämlich einen echten "Sozialstaat" (Ameisenhügel) mit totaler Arbeitsteilung: Die Königin legt die Eier; die Arbeiterinnen tragen die Eier in die Brutkammern, füttern und säubern die geschlüpften Larven. Die Bauameisen suchen und bringen Baumaterial (Nadeln, Blätter, kleine Zweige). Die Soldatinnen verteidigen das Nest, etwa gegen Spinnen, Vögel oder Kröten. Die Sammlerinnen suchen nach Nahrung (Käfer, Spinnen, Raupen, Früchte, Pilze, Samen, Honigtau) und teilen es mit allen im Bau. Lediglich die Männer haben nichts zu sagen, sie sterben nach der Paarung. Übrigens: "Ameisinnen" können das 20-fache ihres Eigengewichts schleppen.

Zahlreiche Tipps, Anregungen sowie Infomaterial gibt es für die Besucher, sodass man seinen eigenen Garten oder Grünflächen und Balkonbepflanzungen "insektenfreundlich" gestalten kann.

Auch für Kinder gibt es in der Ausstellung viele Möglichkeiten, sich spielerisch mit Insekten zu beschäftigen: Wer gehört zu wem? heißt es an der Magnetwand. Wer Lust hat kann sich am Käferdreher sein eigenes Insekt herstellen und es auch benennen. Sogar das Zirpen der Zikaden kann man nachmachen, Bücher über Insekten sind vorhanden, große Vordrucke zum Ausmalen, selbst ein kleines Ruhezelt zum Verweilen gibt es.

Begleitend zur Ausstellung wird es ein Rahmenprogramm mit Veranstaltungen, Vorträgen und Familientagen geben. Der erste Familientag ist am Sonntag, 4. Februar 2019, mit Bastelaktionen, Gewinnspiel und anderen Attraktionen. Die Winteröffnungszeiten sind: Mittwoch bis Freitag, 13 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag 10 bis 17 Uhr. Infotelefon 07224/65 51 97, www.infozentrum-Kaltenbronn.de.