Ausstellung

Der lange Weg

von Rainer Vogt

Böblingen - Punktgenau seit dem Weltfrauentag lenkt Corinna Steimel, seit 2013 Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, die Aufmerksamkeit auf „Die Klasse der Damen – Künstlerinnen erobern sich die Moderne“. Mit listigem Doppelsinn spielt der Ausstellungstitel auf die „Damenklassen“ an, in denen die „Malweiber“ unter sich blieben, als vor rund 100 Jahren erstmals Studentinnen Einlass in Kunsthochschulen gewährt wurde.

Zugleich reklamiert „Klasse“ das Potenzial, das mit der „Gleichstellung“ des unterschätzten Geschlechts eine Chance bekommt. Als Selbstläufer erwies sich die musische Nische der Emanzipation bis heute nicht, obwohl auf die Fächergruppe Kunst und Kunstwissenschaft derzeit ein fast doppelt so großer Anteil auf junge Frauen fällt als auf junge Männer.

Dabei war man in Württemberg der Zeit voraus. An der Königlichen Kunstschule in Stuttgart wurden im Wintersemester 1864/65 immerhin acht Studentinnen gezählt. Als mit wachsendem weiblichem Zustrom die Duldung vonseiten der Männer nachließ, wurden „Damenklassen“ ausgelagert und obendrein benachteiligt. Der dadurch ausgelöste Trend zur Selbstorganisation von Künstlerinnen konkretisierte sich, initiiert von Anna Peters und Sally Wiest, hier im 1893 gegründeten Württembergischen Malerinnen-Verein.

"Frauen haben reichlich nachzuholen"

Aber selbst für Adolf Hölzel, der von 1911 bis 1914 in seiner Damen-Malklasse 27 Künstlerinnen unter seine Fittiche nahm, war ausgemacht, dass Frauen gegenüber Männern, was Kunst angeht, reichlich nachzuholen hätten, weshalb „die besten Lehrer gerade gut genug“ für sie seien. Einer wie er.

Dass seine Lehre von den bildnerischen Mitteln der Nachwelt überliefert wurde, verdankt sich aber gewissenhaften Mitschrieben seiner Schülerinnen. Für Frauen blieb der Weg zu durchschlagendem Erfolg jedenfalls steinig. Der Kunsthistoriker Hans Hildebrandt, der mit seiner Frau Lily zusammen im Stuttgarter „Haus Hildebrandt“ der Moderne Wege ebnete, verglich das Schaffen seiner Partnerin, die es bei Hölzel noch vor 1914 zur Meisterschülerin gebracht hatte, 1928 mit dem Tun eines „großen Kindes“. Jetzt hat ihr „Kubistischer Kopf“, ein Glanzstück der Böblinger Sammlung, den Anstoß zum Ausstellungsprojekt gegeben.

Kaum Frauen in der Kunstszene

Als nach dem Krieg das „Bubenbad“ mit dem Kreis um Willi Baumeister der Abstraktion zum Durchbruch verhalf, waren da Ottomar Domnick zufolge Frauen „bis auf Lilo Rasch-Nägele und Steffi Schwamberger kaum anzutreffen“.

Noch 1913 benötigten Frauen zum Kunststudium in Stuttgart die Einwilligung der Eltern oder eines Vormunds, als wären sie noch nicht volljährig. Mehr noch als ihren Kommilitonen fehlten ihnen Arbeitsräume. Sogar allein zu reisen war nicht unproblematisch. Das akademische Aktstudium, einst unverzichtbare Bedingung für bildende Künstler, war Frauen wegen Un­schicklichlichkeit verwehrt. Wenn Ida ­Kerkovius 1909 einen sitzenden (Frauen-)Akt malte und Lotte Lesehr-Schneider 1928 die Studie eines liegenden männlichen Modells zeichnete, bewies das Mut.

Abgesehen davon, dass sich lange die Überzeugung hielt, dass Frauen zu wahrer Erneuerung der Kunst nicht taugten, gerieten sie, kaum ließen sie sich mit einem Künstler als Partner ein, ins Hintertreffen. Ein schlagendes Bespiel dafür lieferte Margarete Oehm-Baumeister. Nach der Heirat mit dem bewunderten Lehrer gab sie 1926 die eigene künstlerische Tätigkeit auf.

Familie und Kinder als Handicap

Gerade für angehende Künstlerinnen stellten Familie und Kinder ein gravierendes Handicap für ihr berufliches Fortkommen dar. Der Verzicht auf Partnerschaft und Familie lag (und liegt) da so fern nicht. So führten Ida Kerkovius, aber auch Luise Deicher, Sally Wiest, Anna und Petronella Peters oder Helena Wagner ein Single-Dasein beziehungsweise blieben ledig, wie das früher hieß. Jawlensky fand dafür die Formel: „Sie ist ganz Kunst“.

Tragisch spitzte sich die Lage für jüdische Künstlerinnen nach der Machtergreifung und dann in den Kriegsjahren zu. Im Vertrauen auf ihre Leistungen und Verdienste fürs Vaterland weigerten sich Alice Haarburger und Käthe Loewenthal, das Land zu verlassen. Letztere kehrte sogar auf Bitten ihrer Freundin Erna Raabe aus der Schweiz zurück. Beide bezahlten das mit dem Leben.

Ihre Mutter rettete ihr Leben mit einer Notlüge

Nicht anders erging es Marie Lemmé, die sich als Witwe eines Weltkriegsoffiziers in Sicherheit wiegte. Knapp dem Tod entgangen, weil es ihnen im letzten Moment gelang, in die USA zu emigrieren, sind Elli Heimann, Klara Neuburger und Dina Cymbalist-Stern. Die Mutter von Lily Hildebrandt rettete ihrer Tochter das Leben mit der Notlüge, der wirkliche Vater sei Arier gewesen. Es sei „ein Hauptanliegen der Ausstellung“, die verbliebenen Werke der vom NS-Rassismus betroffenen Künstlerinnen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, so ­Corinna Steimel in ihrem Katalogtext.

Ein Handeln, das der jüngst verstorbene Kunstvermittler Günther Wirth gerade von den öffentlichen Ausstellungshäusern und Museen immer wieder vehement eingefordert hatte.

Ein anderes in dieser Schau ist es, den Anschluss an aktuelle künstlerische Positionen herzustellen. Dem Thema gemäß am Femininen orientiert, umwuchern da Textilien eine Säule an der Fassade, beschwört Glitzerndes den Wunsch nach Glück und bietet eine „Familienhütte“ aus Altkleidern Schutz. Eine kopflose Bogenschützin nennt sich „Playing Gender“, firmiert aber auch als Selbstbildnis. Eine Wandinstallation spielt auf Pieter Brueghels d. J. „Parabel von den Blinden“ an. Da stürzt der Anführer in den Bach und zieht seine Nachfolger mit sich.

Böblingen, In der Zehntscheuer, Pfarrgasse 2. Bis zum 5. Juli. Mi bis Fr 15 bis 18, Sa 13 bis 18 und So 11 bis 17 Uhr