Altensteig (Württ.)

Ein Lächeln ins Gesicht der Senioren zaubern

von Sebastian Bernklau

Als Mehran Azzizi nach Deutschland kommt, kann er weder schreiben noch lesen. Weder in seiner Heimatsprache, geschweige denn auf Deutsch. Drei Jahre später hat der heute 18-Jährige seine jüngste Prüfung auf dem Weg zum Altenpfleger mit der Note 1,0 bestanden – und bringt seine Chefs ins Schwärmen.

Altensteig-Spielberg. Schon als Kind verliert Mehran seine Wurzeln, seine Heimat. Seine Familie muss aus dem Norden Afghanistans fliehen, kommt im Iran unter. Doch dort haben Menschen aus Afghanistan einen schweren Stand, wie sich Mehran heute erinnert. Sein Vater hat mit dem Jugendlichen ganz bestimmte Pläne. Er will ihn zwingen, in den Krieg nach Syrien zu ziehen. Das will seine Mutter mit allen Mitteln verhindern – und finanziert dem Jungen die Flucht Richtung Deutschland.

"Es gab Zeiten, da hatte er Heimweh, da ging es ihm nicht gut"

Ende 2015 kommt Mehran dort an – mit denkbar schlechten Voraussetzungen. Schreiben und lesen kann er nicht, eine Schule hat er nie besucht, weil der Vater ihn lieber in seinem Laden arbeiten lassen wollte. Der Landkreis Calw bringt ihn in einer bestehenden Wohngruppe für junge Menschen in Egenhausen unter, in der er sich nach eigenen Angaben bis heute sehr wohlfühlt.

Die Flüchtlingsbetreuer schicken Mehran in eine extra für junge Flüchtlinge eingerichtete so genannte VABO-Klasse in Nagold. Er stellt sich trotz fehlender Schulbildung als sehr begabt heraus. "Er hat das Wissen aufgesaugt und in sehr kurzer Zeit die Sprache gelernt", erinnert sich Ralf Bühler vom Sozialdienst des Landratsamts noch bestens. Obwohl vieles in der Schule und in der Wohngruppe bestens funktioniert – der junge Mann aus Afghanistan schafft binnen kurzer Zeit einen guten Schulabschluss – gibt es Zeiten, in denen Mehran dringend Hilfe braucht. "Es gab Zeiten, da hatte er Heimweh und es ging ihm nicht wirklich gut", berichtet Ralf Bühler. "Doch unsere enge Betreuung hat ihm da herausgeholfen."

Mehran beginnt auf der Suche nach einer beruflichen wie privaten Zukunft Praktika zu absolvieren – auch im Pflegeheim Haus Waldruh in Altensteig-Spielberg. Und das obwohl er anfangs überhaupt keine Vorstellung davon hat, was Pflege eigentlich bedeutet. "So etwas gibt es in meiner Heimat eben nicht", erzählt er in sehr gutem Deutsch. Er nimmt die Herausforderung an, kommt zunächst einmal die Woche von Egenhausen ins Haus Waldruh im nahegelegenen Spielberg – mit dem Fahrrad.

Ein junger Geflüchteter in der von Frauen dominierten Pflege? – In der Einrichtung macht man sich zunächst so seine Gedanken, ob das mit Mehran gut gehen kann, erinnert sich die Geschäftsführerin des Haus Waldruh, Yvonne Essig, heute. Mehran sei zu Beginn seines Praktikums sehr schüchtern gewesen, "doch das war für unsere Bewohner eher positiv", so Essig weiter. Mehran nimmt die Herausforderung an, traut sich immer mehr zu.

Zwei Jahre nach seiner Flucht nach Deutschland hat er einen Ausbildungsvertrag in der Tasche – beim Haus Waldruh in Spielberg. "Ich hatte auch eine Zusage vom Krankenhaus, habe mich aber für die Pflege entschieden", erzählt er ein wenig zurückhaltend. "Es macht einfach Spaß, ein Lächeln ins Gesicht der Senioren zu zaubern", begründet er heute seine Entscheidung. "Diese Dankbarkeit der Menschen bekommt man in keinem anderen Beruf zu spüren." Dass er einen Job im kleinen Spielberg – und nicht in einer großen Stadt – hat, stört den inzwischen 18-Jährigen überhaupt nicht. "In der Großstadt lernt man niemanden kennen, und hier kenne ich die Leute", sagt er mit einem zurückhaltenden Lächeln.

Das Team des Pflegeheims Waldruh merkt schnell, dass sie da einen "ungeschliffenen Diamanten" neu bei sich haben. "Es war sehr schnell klar, dass es funktionieren würde. Er saugt Informationen regelrecht auf und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Manchmal mussten wir ihn in seiner Motivation fast schon bremsen", berichtet Pflegedienstleiter Nils-Peter Fischer. "Dazu hat er eine ausgeprägte Sozialkompetenz."

"Und er macht seine Arbeit mit Liebe. Und das spüren die älteren Menschen", freut sich Chefin Yvonne Essig, die noch eine weitere Stärke an ihrem neuen Mitarbeiter festgestellt hat, die sie bewundert: "Er bleibt immer gelassen und koordiniert, lässt sich einfach nicht stressen."

Mehran denkt schon jetzt über seine Abschlussprüfung hinaus

Dass er seine Ausbildung schaffen wird, darüber herrscht in Spielberg kein Zweifel. Dafür sprechen auch seine Ergebnisse in den jüngsten Zwischenprüfungen: eine lupenreine 1,0 – abgelegt in einer Sprache, die er vor drei Jahren weder sprechen noch schreiben konnte. Dabei denkt Mehran schon lange vor seiner Abschlussprüfung – die steht im Mai 2020 an – über diese hinaus. "Erst will ich die Ausbildung abschließen, und dann eine Weiterbildung bis zur Wohnbereichsleitung machen", schildert er seine Zukunftspläne.

Dass er seine berufliche Zukunft, auch angesichts seiner Pläne, im Haus Waldruh angehen kann, darüber herrscht im Team keinerlei Zweifel. "Es würde uns alle freuen, wenn er bleiben würde", sagt etwa Pflegedienstleiter Fischer. Und auch aus Sicht von Geschäftsführerin Yvonne Essig stehen dem jungen Afghanen die Tore beim Haus Waldruh weit offen. Sie will Mehran sogar bei seinem bevorstehenden Auszug aus der Wohngruppe und seinem Eintritt in die private Selbstständigkeit helfen – immerhin entstehen derzeit neben der Einrichtung neue Mitarbeiterwohnungen. In eine könnte er eventuell einziehen. Denn sie weiß genau, was sie an Mehran Azzizi hat. "Er weiß jedenfalls", sagt sie am Ende des Gesprächs, "dass er hier im Haus Waldruh immer einen Job hat."