Albstadt

Echte Sprachakrobaten im Stresstest

von Katja Weiger

Das feine Spiel mit Sprache – und das konzentriert auf maximal sechs Minuten: Der Poetry-Slam in der jungen Kulturwoche #kulturundso hat eindrücklich bewiesen, warum diese hohe Kunst in Albstadt eine so große Fangemeinde hat.

Albstadt-Tailfingen. Daniel Wagner aus Heidelberg hat sich den Sieg im Poetry-Slam-Wettbewerb geschnappt, den der Kulturverein "Tal-Gang-Art" als Beitrag zu #kulturundso organisiert hatte – verbunden mit der schönen Erfahrung, dass sich Gewinnerapplaus für schlechte Zeiten aufzeichnen lässt. Lokalmatador Felix Bischoff schaffte es zwar nicht bis ins Finale, vertrat die Albstädter Farben aber dennoch meisterlich.

2013 haben sich die "Slammer" erstmals in Albstadt getroffen; die Messlatte liegt bei jedem neuen Poetry dementsprechend hoch. Wie so ein Contest überhaupt funktioniert? Jeder Teilnehmer präsentiert einen eigenen Text – egal ob Lyrik, Rap, Prosa – aber maximal sechs Minuten lang. Also ein echter Stresstest. Requisiten sind nicht gestattet, inhaltliche Vorgaben gibt es nicht. Entscheidend für den Sieg ist allein das Publikum, das über die Lautstärke seines Applauses den Sieger kürt.

Das "illustre Line-Up aus aller Herren Bundesländer", das Moderator Johannes "Hanz" Elster gut gelaunt ankündigte, lässt in der Tat keine Wünsche offen. Sechs Teilnehmer, zwei davon weiblich, kämpfen um drei Finalplätze. Lustig, traurig, gedankenvoll, politisch, melancholisch, sozialkritisch oder augenzwinkernd: Wer es liebt, schönen, geschliffenen und präzise gearbeiteten Texten zu lauschen, die zudem hervorragend vorgetragen werden, ist beim Slam richtig.

Von der Doppelmoral beim Umweltschutz

Der Heidelberger Moritz Konrad, der als Erster ans Mikro der Thalia-Bühne tritt, nimmt mit zynisch-klugem Hintersinn und präzisem Blick auf den Zeitgeist die Doppelmoral in Sachen Umweltschutz aufs Korn. Es geht um Bio-Ablasshandel, Ecosia-Surfer, Ecomodus-Nutzer und Kaffeekapsel-Müll. Gülsen Ergün, die badische Türkin, hat nicht nur einen schwäbischen Griechen zum Mann, sondern weiß auch viel darüber, warum wir voneinander eigentlich so wenig wissen: Türken von Deutschen, Deutsche von Türken, Schwaben von Badenern und umgekehrt. Die Wahl-Herrenbergerin entlarvt diesen Umstand schonungslos: "Ist es wirklich so, dass man Arbeitskräfte rief und Volldeppen kamen?"

Der Malscher Stefan Unser indes, tätig in einer großen Bibliothek, sieht täglich jungen Menschen beim Sich-Bilden zu. Der spätere Finalist kennt natürlich die alles entscheidende Lebensfrage: "Ist das prüfungsrelevant?" Den Reaktionen im Publikum nach zu urteilen, finden sich hier viele der jungen Gäste wieder – auch bei der Geschichte von Angeber-Kalli aus der 3b. Der spätere Sieger Daniel Wagner hingegen wirft die Frage auf, warum Deutschland so schlecht im Fußball geworden ist, dass es sogar gegen Holland verlieren muss.

Felix Bischoff, der Albstädter "Digital Native mit Migrationshintergrund", kennt nicht nur die Hotline-Nummer von Instagram, sondern schafft auch dann Abhilfe, wenn man im falschen Algorithmus gefangen und obendrein mit asymmetrischen Augenbrauen gesegnet ist. Und Rebecca Heims, die leise, unaufdringliche Bochumer Poetin, spielt in ihrem auf den Punkt formulierten Vorträgen um Café-Begegnungen und Ost-West-Grenzen so meisterlich mit Worten, wie es ihr Kollege Wagner gern bei den Fußbällen der Nationalmannschaft sähe. Ins Finale schafft sie es mühelos.

Aus der Geschichte – diese nachdenklich stimmenden Worte gibt Gewinner Wagner den Besuchern mit auf dem Nachhauseweg – sei zu lernen, dass einige aus der Geschichte nichts gelernt hätten.